Zwei Generationen von Erwachsenen mit Dyslexie erzählen: Sie schildern ihre Schulzeit, Ausbildung und den Berufsalltag – früher und heute

Schuler am arbeiten

Teil 2: Schule heute

B., Jahrgang 1997, aufgewachsen im Kanton Zürich
In Ausbildung: Maschinenbau und Verfahrenstechniken Ingenieurwissenschaften, ETH Zürich

Welche Erfahrungen hast du in der Schulzeit mit deiner Dyslexie gemacht?

Seit meiner Primarschulzeit habe ich Schwierigkeiten, etwas richtig zu schreiben. Noch in der zweiten Kanti konnte ich „Mutter“ problemlos mit einem „t“ schreiben. Auch das Lesen war anstrengend. Anfänglich musste ich eigentlich immer zum Lesen und Schreiben gezwungen werden. Lesen tat ich trotz Anstrengung gerne, was schlussendlich ein bisschen meine Rettung war. Bereits in der Unterstufe wurde in einer Abklärung festgestellt, dass ich eine Dyslexie habe. Darauf erhielt ich spezielle Unterstützung. Ich lernte bereits früh, auf die Rechtschreibung zu achten und Strategien zu entwickeln, um damit möglichst optimal umzugehen.

Ich kann mich erinnern, dass wir in der Mittelstufe die wichtigsten Grundbausteine der Rechtschreibung mit Karteikärtchen lernen mussten. Jede Portion enthielt für mein Gefühl einen riesigen Berg an Kärtchen. Wenn diese Kärtchen dann endlich im hintersten Fach angekommen waren, musste ich sie nach einer Woche nochmals repetieren. Natürlich hatte ich dann die meisten falsch, worauf sie wieder ins erste Fach wanderten und die ganze Übung von vorne begann. Ein riesiger Kraftakt und ich hasste es. Nachträglich stellte ich aber fest, dass mir diese Übung etwas gebracht hatte. Diese Kärtchen waren auch das einzige, wo ich mich in der Primarschule wirklich hinsetzen und lernen musste. Hausaufgaben waren für mich wegen meiner Rechtschreibschwäche wichtig, denn so wurden Rechtschreibthemen zuhause regelmässig repetiert.

Aus meiner jetzigen Sicht stelle ich fest, dass der Primarschulstoff sitzen muss, denn darauf wird später aufgebaut. Dafür braucht es aber Eltern und Lehrer, die dich unterstützen, fordern und diszipliniert mit dir arbeiten. Ein Primarschulkind schafft dies alleine nicht, denn dafür fehlt ihm das Verständnis, dass es für sich selber und seine Zukunft lernt.

Gab es bereits Hilfestellungen?

Ja. In der Unterstufe gab es ja die Abklärung. Darauf erhielt ich während ein bis zwei Jahren wöchentlich zwei Therapiestunden. Nach einem weiteren Test stellte sich heraus, dass ich mittlerweile so gut war, dass die Unterstützungsstunden Schülerinnen und Schülern zugutekommen sollten, die es nötiger hatten als ich. Was ich sehr schätzte, war, dass ich in der Mittelstufe das Lernforum* besuchen durfte. Dort wurden meine wirklichen Stärken und meine Interessen gefördert.

Im Gymi wurde ich nochmals auf Dyslexie getestet. So erhielt ich für die Matura die Erleichterung, dass mündliche Noten mehr gewichtet wurden als sonst üblich. Ich hätte die Prüfungsfragen sogar vom Tonband abhören dürfen, wollte aber nicht. Ich besuchte das Wirtschaftsgymnasium und wählte dort Fächer, deren Fokus nicht auf der Rechtschreibung lag. Ich wählte zusätzlich naturwissenschaftliche Vertiefungsfächer, wie angewandte Mathematik, Physik und Chemie, welche meinen Interessen entsprachen. Letztlich kommt es während der gesamten Schulzeit aber auch auf die Lehrperson und deren Ansicht von der Wichtigkeit der Rechtschreibung an.

*Das Lernforum ist ein spezieller, wöchentlicher Unterrichtsmorgen für Kinder mit besonderen Begabungen.

Wie bist du deine Lese- und Rechtschreibschwäche während der Schulzeit angegangen?

Grundsätzlich kam ich in der Schule in Stresssituationen, wenn ich etwas schreiben musste. Ich wusste, dass es eine Katastrophe werden würde. Meine Texte waren ein heilloses Durcheinander. Ich korrigierte überall hinein, verwob mehrere Wörter ineinander und versuchte, mit vielen Pfeilen etwas Klarheit zu schaffen. Musste ich zuhause einen Text für die Schule verfassen, bedeutete dies, dass ich ihn mit meiner Mutter besprechen musste. Sie hatte hohe Ansprüche und wollte mir helfen und das Beste herausholen. Dies war aber mit emotionalen Konflikten verbunden. Dazu kam, dass ich mir allgemein nicht gerne helfen liess.

Ich schrieb Texte lieber in der Schule, dann war es erledigt und ich konnte sie abgeben, sobald sie fertig waren. Diese Texte kamen dann überwiegend in roter Korrekturfarbe zurück. Da ich Schwierigkeiten hatte Texte zu verfassen und zu lesen, tat es mir unglaublich gut, dass ich Personen um mich hatte, welche trotzdem meine Talente entdeckt und diese gefördert haben. Ich bin mir aber sicher, dass wenn man einen gewissen “Drive“ besitzt, jemand früher oder später über deine Schwächen hinwegsieht und dich in deinen starken Gebieten entsprechend fördert.

Was funktionierte während deiner obligatorischen Schulzeit – und heute – in Bezug auf Dyslexie besser, als dies vermutlich früher der Fall war?

Ich finde es positiv, dass Kinder abgeklärt werden und bei Schwächen entsprechend Unterstützung erhalten. Es ist eine echte Erleichterung, wenn mündliche Arbeit mehr gewichtet wird. Es ist extrem wichtig, dass ein Kind mit Dyslexie schnell Strategien für den Umgang damit entwickelt: Wie gehe ich mit der Dyslexie um? Wie komme ich damit klar? Wie bekomme ich die Rechtschreibung und das Lesen in den Griff?

Heute besuchen Kinder mit den verschiedensten Stärken und Schwächen die gleiche Klasse. Deshalb wird „gezwungenermassen“ individueller und systematischer auf die Kinder eingegangen und somit stehen verschiedene Unterstützungsangebote bereit. Ich empfand es zudem als sinnvoll, über längere Zeit an der gleichen Thematik zu arbeiten und während der ganzen Primarschulzeit z.B. die Rechtschreibung und das Lesen zu repetieren und zu festigen. Ewige Ausnahmen, z. B. für Dyslexiker, finde ich hingegen nicht gut, denn man muss später in der Welt alleine zurechtkommen. Wer würde mir da schon einen Vertrag auf Tonband vorlesen?

Es stellt sich auch die Frage, wie man Kinder mit einer bestimmten Schwäche optimal stärkt. Als Kind hat man doch die Einstellung „selber gross zu sein“. Also selber mit einem Sackmesser schnitzen oder über einen schmalen Grat balancieren zu können. So will man als Kind auch in der Schule alles können und der Beste sein. Muss ich nun einen Text schreiben (was ich nicht gut kann) und einer erwachsenen Person abgeben, die sowieso alles besser weiss und dann kommt alles rot korrigiert zurück? Wenn man damit einer der einzigen in der Klasse ist, der dies so erlebt, ist das für ein Kind nicht ganz einfach.

Was kann eine erwachsene Person tun, um Strategien im Umgang mit der Dyslexie in Studium, Beruf und Alltag zu entwickeln und aufrecht zu halten?

Meine Studienrichtung habe ich so gewählt, dass die Rechtschreibung nicht im Vordergrund steht. Dabei bin ich mir aber bewusst, dass ich für die regelmässig anfallenden schriftlichen Arbeiten mit Strategien arbeiten, mir extra viel Zeit nehmen und das Geschriebene x-fach durchsehen muss. Meine Strategien sind, dass ich mit dem Korrekturprogramm des Computers arbeite. Dazu muss ich mir fürs Schreiben viel Zeit nehmen, denn kommt Zeitdruck – kommen Fehler. Was genau ich schreiben will, lege ich mir zurecht, bevor ich mit dem Verschriftlichen beginne. Ist der Text fertig, korrigiere ich Buchstabe für Buchstabe. Briefe schreibe ich mindestens zwei Mal. Zuerst entsteht der Entwurf, dann erst die endgültige Fassung. Schlussendlich habe ich ein Netzwerk an Personen um mich herum, welches mir auf Vertrauensbasis Texte gegenliest und korrigiert.

Mein Hauptanliegen ist immer wieder: Wie entstehen meine Texte so zeitsparend wie möglich? Zudem ist es für mich weiterhin wichtig, viel zu lesen. Ich nehme mir extra Zeit dafür, mache es gerne und kann dadurch gleichzeitig viel lernen. Ein Rechtschreibtraining – am besten online – wäre natürlich ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt. Heute sage ich: Ich habe kein Problem mit meiner Dyslexie, denn ich kann anderes gut. Aufgreifen, dass es tatsächlich noch Personen gibt, die ein Probleme mit meiner Schwäche haben – doch was kann ich da machen, es gehört zu mir und es verhalf mir stärker werden und mich zu akzeptieren – Nobody is perfect.

Da du mit Dyslexie aufgewachsen bist, hast du eigene Erfahrungen damit gemacht. Dazu kommt, dass Dyslexie vererbbar ist. Nehmen wir einmal an, dass du eigene Kinder haben wirst: Wie wirst du deinen Kindern ein Vorbild sein, wenn es um Lesen und Schreiben geht?

Sicherlich würde ich sie zum Lesen animieren, denn es gibt so viele coole Kindergeschichten. Für meine Kinder würde ich zudem Hilfe organisieren und Hilfe auch zulassen. Wahrscheinlich würde ich eine gewisse Härte zeigen bei Dingen, die ich selber nicht gerne machte. Zum Beispiel beim Erlernen von Rechtschreibregeln, bei manchmal etwas langweiligem Lernen und Repetieren, denn das hat mir am Ende des Tages auch geholfen. Wichtig wäre mir, meinen Kindern klar zu machen, dass man sich für die Dyslexie nicht schämen muss. Ich würde sie dort unterstützen und fördern, wo sie gut sind und ihre wirklichen Stärken aufblühen lassen.

Lieber B., herzlichen Dank für das Gespräch!


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