«Wunder-Wald» – Wie die Natur unser Wohlbefinden stärkt und unserem Gehirn die nötige Erholung bietet

Schule, Hausaufgaben, Musikunterricht, Ballet, Fussballtraining, ein Abendkurs…

In vielen Familien herrscht zuhause ein reges Treiben im Alltag. Damit alles gut aneinander vorbei geht, wollen Termine wohlgeplant und das tägliche Programm nach Schulschluss gut durchdacht sein. Neueste Studienergebnisse deuten aber in eine andere Richtung: zu stark organisierte Aktivitäten können das Gehirn von Kindern negativ beeinflussen. Deshalb fordern viele Fachkräfte die Rückkehr zu etwas mehr Freiheit – am besten draussen in der Natur.

Entgegen diesem wohlgemeinten Rat verhält sich aber der Trend über die Generationen hinweg. Verbrachten die Grosseltern noch fast drei Viertel ihrer Freizeit draussen, schwand der Anteil der Zeit im Freien bei Eltern auf gut die Hälfte, bei der Generation der Kinder auf sogar nur noch einen Viertel. Kinderärzte und Neurobiologen beklagen diesen Rückgang. Auch die Fläche, auf welcher die Kinder sich frei bewegen können, der sogenannte Aktionsradius, hat sich in den letzten 20 Jahren um knapp 85% reduziert. Eine zusätzliche Anbindung ans Zuhause stellen elektronische Geräte wie Smartphones und Tablets dar, auch sie sind in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen allgegenwärtig.

Dabei wäre genau diese Abkapselung in die Natur wichtig – nicht nur für Kinder und Jugendliche. Der Wald hat eine beruhigende, erdende Wirkung auf uns und er bietet Kindern einen abwechslungsreichen und spannenden Entwicklungsraum. Es gibt viel zu entdecken, zu sehen, zu hören, zu erleben. Es riecht nach einer Vielzahl von verschiedenen Gräsern und Kräutern, Vogelgezwitscher in den Bäumen bildet eine spannende Klangkulisse, das weiche Moos auf den Baumstämmen fühlt sich wie ein weicher Teppich unter den Fingern an und das kühle Wasser eines vorbeifliessenden Baches streichelt wohltuend die vom Laufen beanspruchten Füsse.

Selbstbestimmtes kindliches Spiel als Entwicklungshelfer

«Die Entwicklung und Vernetzung des Nervensystems, sowie die Synapsenbildung ist in den ersten Lebensjahren eines Kindes besonders wichtig. Die Natur ist das geeignete Umfeld dafür, indem die Kinder sensorische Informationen bekommen, die zuhause nicht kompensiert werden können.» Mit dieser Aussage unterstreicht der Neuropädiater Markus Weissert eine wichtige Komponente im kindlichen Entwicklungsprozess.

Damit ist er nicht alleine. Auch Kinderarzt und Buchautor Remo Largo erwähnt häufig die Wichtigkeit der Nähe zur Natur. In der ganzen Menschheitsgeschichte seien Kinder fast ausschliesslich im Freien aufgewachsen. Nicht nur biete ein Wald eine optimale Lernumgebung, auch das selbstbestimmte kindliche Spiel könne so umgesetzt und trainiert werden. Dadurch wird nicht nur die eigene Autonomie gestärkt, es dient auch als eine Art Lebensschulung, wie sie später im Schulalltag kaum mehr geübt werden kann.

Das soll aber nicht heissen, dass man Kinder einfach im Wald sich selber überlassen soll. «Wer nicht spielen darf, ist in der Entwicklung eingeschränkt was Kreativität und Konzentrationsfähigkeit betrifft. Solche Kinder sind weniger gut imstande, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Werden sie vom Umfeld unterstützt, führt dies zu einer gesunden Entwicklung – kognitiv, emotional, sozial, kreativ und motorisch», so Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind.

Doch wann ist ein Spiel auch wirklich wertvoll? Laut Soziologe Roger Caillois definiert sich das selbstbestimmte kindliche Spiel durch mindestens einen der folgenden Punkte:

  • Eine freie Betätigung, zu der man nicht gezwungen werden kann, ohne dass das Spiel seinen fröhlichen und anziehenden Charakter verliert.
  • Eine innerhalb von Grenzen von Zeit und Raum festgelegte Betätigung.
  • Eine ungewisse Betätigung, deren Ablauf und Ergebnis nicht im vornherein feststeht.
  • Eine unproduktive Betätigung, in der keine Güter oder Reichtum erschaffen wird, oder deren Besitz übers Spiel hinaus permanent seinen Besitzer wechselt.
  • Eine fiktive Betätigung in einer zweiten Wirklichkeit.

Aufmerksamkeitstraining im Wald

Auch zu einem späteren Entwicklungszeitpunkt hat die Natur noch immer viele positive Auswirkungen auf den Menschen. Beispielsweise profitieren AD(H)S-Betroffene stark von der Ruhe und Abschottung, die sie im Wald fernab der hektischen Stadt geniessen dürfen. AD(H)S bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Betroffene haben in der Regel Schwierigkeiten, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Insbesondere im Alltag in Städten entstehen so grosse Hürden. Vorbeifahrende Autos, die Klingel eines Fahrrads, lachende Leute im Strassencafé, eine entfernt läutende Kirchenglocke, das Rauschen des Windes in Sträuchern, womöglich hell blendendes Sonnenlicht, welches sich in Autos und Schaufenstern reflektiert. All diese Sinneseindrücke können wir automatisch filtern und nehmen nur das Wesentliche wahr. AD(H)S-Betroffenen fehlt diese Fähigkeit oft, sie werden von all diesen Eindrücken überwältigt.

Einer dieser Betroffenen ist Fabian Grolimund. Der Psychologe und Lerncoach hatte auch schon während seiner Schulzeit mit AD(H)S zu kämpfen und kennt deshalb die Schwierigkeiten gut, mit welchen Betroffene täglich konfrontiert werden. Auch er ist ein grosser Verfechter von einer gelegentlichen Auszeit im Wald, kann er doch aus eigener Erfahrung berichten, wie wohltuend und gleichzeitig stimulierend solche Tage in der Natur für ihn waren. Stimulierend insofern, als dass er seine Fähigkeit der Aufmerksamkeitslenkung trainieren und seine Umgebung viel vertiefter wahrnehmen konnte.

Die offene Aufmerksamkeit, das allgemeine Wahrnehmen, ist bei AD(H)S-Betroffenen oft zu stark ausgeprägt. Was eigentlich eine Stärke wäre, führt je nach Umgebung schnell zu einer Reizüberflutung. In der Ruhe des Waldes blieb Grolimund davor verschont und konnte dafür mehr an seiner fokussierten Aufmerksamkeit arbeiten. So verbesserte sich seine Konzentration, das Ausblenden anderer Reize, sowie die exekutive Kontrolle. Auch die innere Aufmerksamkeit, zum Beispiel in Form von kreativem Tagträumen, erhielt dadurch Platz sich weiter zu entwickeln.

Diese Erweiterung der Aufmerksamkeit können auch Nicht-Betroffene von AD(H)S erleben, egal in welchem Alter. Etwas Ruhe und Entschleunigung tut uns allen gut. Gönnen Sie sich und Ihren Kindern eine kleine Auszeit, geniessen Sie den milden Frühling in der freien Natur.

Deshalb: Nehmen Sie sich Zeit, bevor der Alltagstrubel sie sich krallt.

Dybuster Tipp:

Kinder mit Lernschwäche sind nebst dem normalen Alltagstreiben zusätzlichem Druck in der Schule ausgeliefert. Deshalb ist es wichtig, ein Ruhekissen einzubauen, bei dem sich der Körper und das Gehirn erholen können.

Gehen Sie deshalb mit Ihrer Familie raus in die Natur oder in den Wald und gönnen Sie sich und Ihrem Kind ein bisschen von der wohlverdienten Erholung fürs Gehirn und das Gemüt.