Wie wird Rechenschwäche erkannt? – Interview mit dem Schulpsychologischen Dienst

Wir werden immer wieder von verunsicherten Eltern angefragt, was sie tun können und was denn passiere, wenn die Lehrpersonen oder auch sie selber eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie bei ihren Kindern vermuten. Um diese Verunsicherungen abzubauen, beschreibe ich in diesem Beitrag diese Abläufe.

Für diesen Bericht habe ich mehrere Interviews mit Schulpsychologen geführt, und diese Interviews nun als ein Interview zusammengefasst.

Wir haben einen Verdacht – Was passiert nun?


Frage: Was ist der normale Ablauf in Ihren Schulen und Diensten, wenn eine Lehrperson vermutet, bei einem Schüler eine Rechenschwäche zu erkennen?

Antwort: Die erste Ansprechperson für eine entsprechende Diagnostik ist die Schulische Heilpädagogin (in der Schweiz) oder die Förderlehrkraft (in Deutschland), also eine schulinterne Fachperson. Man sollte immer zuerst diejenigen Fachpersonen miteinbeziehen, welche dem Kind am nächsten stehen. Erst, wenn diese keine Diagnose stellen können, sollte man an die nächsthöhere Fachstelle gelangen. Normalerweise ist dies dann der Schulpsychologische Dienst (SPD), welcher entweder in der Schulgemeinde selber oder kantonal organisiert ist. Auf welcher Ebene der SPD organisiert ist, kann von Kanton zu Kanton bzw. von Landkreis zu Landkreis und zum Teil innerhalb eines Kantons in den verschiedenen Gemeinden unterschiedlich geregelt sein.

Frage: Was sollen oder können Eltern tun, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind eine Rechenschwäche hat?

Antwort: Als ersten sollten sie sich mit der Lehrperson besprechen und dann so vorgehen, wie wir eben beschrieben haben, also Fachpersonen einbeziehen, welche möglichst nahe beim Kind sind. Falls die Lehrperson die Einschätzung der Eltern nicht teilt, haben diese in den meisten Kantonen bzw. Landkreisen die Möglichkeit, ihr Kind ohne Einverständnis oder Wissen der Schule beim Schulpsychologischen Dienst anzumelden. Natürlich gibt es auch private Abklärung- und Förderzentren. Solche privaten Gutachten haben bei den Schulgemeinden jedoch oft einen geringeren Stellenwert, wenn es darum geht, dass die Schule notwendige schulinterne Fördermassnahmen finanziert.

Was bei einer Diagnose für Rechenschwäche passiert


Frage: Was untersuchen Sie konkret bei einem Kind, welches zu Ihnen zu einer Testung kommt? Welche Fähigkeiten testen Sie?

Antwort: Es wird immer eine Potentialanalyse gemacht, um zu sehen, ob es sich um eine allgemeine Lernschwäche oder eine Teilleistungsschwäche handelt. In den meisten Schulpsychologischen Diensten wird das Diskrepanzmodell immer noch berücksichtigt, obwohl es unterdessen wissenschaftlich umstritten diskutiert wird. (Anmerkung des Interviewers: „Diskrepanzmodell“ bedeutet, dass die Leistungen in Mathematik signifikant schlechter sein müssen als das gesamtheitliche kognitive Potential bzw. der IQ, um eine Rechenschwäche zu diagnostizieren. Wenn die Rechenleistungen und das Potential (der IQ) tief sind, geht der SPD von einer Lernschwäche oder Lernbehinderung statt einer Rechenschwäche aus). Neben dem Potential überprüfen wir mathematische Fertigkeiten  wie z. B. Grundfähigkeiten, Ordnungsstrukturen, also Grösser und Kleiner, algebraische Strukturen oder angewandte Mathematik. Diese Diagnostik ist abhängig vom Alter und der Klassenstufe des Kindes.

Frage: Wie könnten sich Eltern auf ein Gespräch vorbereiten, z.B. emotional?

Antwort: Eltern sollten sich auf ein Gespräch nicht vorbereiten müssen, da die beratende Fachperson die Fähigkeit haben sollte, auf die Befindlichkeit und die Bedürfnisse aller Beteiligter einzugehen. Falls das nicht passiert, empfiehlt es sich nachzufragen,

  1. was ihr Kind denn gut kann/macht,
  2. was die Schule unternimmt, um das Kind zu unterstützen und
  3. was sie selber dazu beitragen können, das Kind zu unterstützen.

Und was passiert nach dem Erkennen der Rechenschwäche?


 Frage: Nehmen wir an, dass Sie eine Rechenschwäche feststellen. Was sind die unmittelbaren nächsten Schritte?

Antwort: Ein möglicher Ablauf ist wie folgt:

  • Die Besprechung mit der Lehrperson und der Schulischen Heilpädagogin.
  • Dann eine Besprechung der schulischen Fördermassnahmen. Wir besprechen auch mögliche Lernzielanpassungen, falls die Fördermöglichkeiten bereits ausgeschöpft sind.
  • Schliesslich besprechen wir Unterstützungsmöglichkeiten durch die Eltern mit den Eltern.

Frage: Manche Eltern haben Angst, dass eine Diagnose zu einem „Abstempeln“ des Kindes führt. Andere sind erleichtert, dass eine Diagnose eine gezielte Unterstützung ermöglicht und dem Kind Druck nimmt. Wo sehen Sie die Chancen und Gefahren einer Diagnose?

Antwort: Die Chance einer Diagnose sehen wir

  1. in der Möglichkeit, dem Kind individuell die notwendigen Förderung bieten zu können, und
  2. in der Möglichkeit, Unterschiedlichkeit in der Klasse zu besprechen. So kann man schlussendlich individuelle Unterschiede akzeptieren, schätzen und nutzen…

Eine Gefahr der Diagnose besteht manchmal in einer sozialen Stigmatisierung, d.h. dass insbesondere andere Kinder die Rechenschwäche als ein Problem betrachten. Die anderen Kinder haben auch eine gewisse Angst davor und machen schliesslich um die Rechenschwäche möglicherweise einen Bogen. Einfühlsame Lehrpersonen können dies aber abfangen, und gerade eine Diskussion nach einer Diagnose erleichtert einen offenen Umgang und die Integration.