Wenn das Gehirn nicht rechnen will

Bereits Babys können unterschiedlich grosse Mengen voneinander unterscheiden. Diese Grundfähigkeit ermöglicht ein elementares Verständnis von Zahlen. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Kinder später eine wahrgenommene Anzahl von Objekten mit einem Zahlwort oder einer schriftlichen arabischen Zahl verknüpfen und eine Zahlenraumvorstellung entwickeln können. Wenn wir als Kinder erste Rechenaufgaben lösen, sind hauptsächlich unsere vorderen Gehirnregionen aktiv. Diese Regionen sind für das logische Denken zuständig, dort werden auch die Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis gesteuert. Erst nach und nach spezialisieren sich durch Lernen und Erfahrung zusätzliche Regionen, insbesondere in den hinteren Hirnabschnitten. Sie übernehmen bestimmte Teilfunktionen und stellen gespeichertes Wissen zur Verfügung. Dadurch werden die vorderen Hirnregionen entlastet, und es wird wieder Kapazität frei für das Bearbeiten komplexerer und schwierigerer Rechenaufgaben. Bei Kindern mit einer Rechenschwäche bleibt diese Spezialisierung der hinteren Gehirnregionen zurück. Während sie bei einer einfachen Aufgabe noch intensiv nachdenken und abzählen, wissen ihre Altersgenossen schon automatisch, wie das richtige Ergebnis lautet. Das denkende Abzählen ist für die vorderen Hirnregionen kraft- und zeitraubend und zudem auch fehleranfällig.
Müssen immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit gelöst werden, sind die vorderen Hirnareale rasch überlastet.
Die aus dem Druck entstehende Angst verlangsamt das Denken zusätzlich. So bleibt immer weniger Kapazität übrig, um automatisiertes Wissen und Können in die hinteren Hirnregionen zu verlagern. Ein wahrer Teufelskreis!