«Nachteilsausgleich» – Ein Recht das auch bei LRS/Dyslexie und Dyskalkulie beantragt werden kann

Sind Sie selbst oder ein Kind oder Jugendlicher, den Sie begleiten, mit einem Nachteil konfrontiert, der erschwert oder sogar verhindert, dass sich das vorhandene Potenzial entfalten kann? Dem muss nicht so sein.

In der Schweiz ist der Grundsatz der Rechtsgleichheit im Artikel 8 der Bundesverfassung verankert. Dies bedeutet, dass alle die gleichen Rechte und Chancen haben sollen, vor allem, wenn es um die Bildung geht. Um dieser Chancengleichheit gerecht zu werden, gibt es in den Bildungsinstitutionen eine Massnahme, die sich Nachteilsausgleich nennt. Der folgende Beitrag soll Ihnen aufzeigen, was ein Nachteilsausgleich ist, für wen er in Frage kommt und wie man ihn umsetzen kann.

Bedeutung «Nachteilsausgleich»

Schon durch die Bezeichnung lässt sich darauf schliessen, dass es sich um einen Ausgleich eines diagnostizierten Nachteils handelt. Der Ausgleich findet jedoch nicht in der Anpassung der Lernziele, sondern nur in der Form und den Rahmenbedingungen bei der Durchführung einer Prüfung statt. Aus diesem Grund wird der Nachteilsausgleich auch nicht im Zeugnis vermerkt.

Zwei Beispiele des Volksschulamtes des Kantons Zürich veranschaulichen diesen Unterschied:

Nachteilsausgleich

Eine Schülerin mit einer cerebralen Bewegungsstörung kann die Lernziele in Geometrie erreichen. Sie kann aber in Prüfungen aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung keine Konstruktionen mit Zirkel, Geodreieck und Massstab ausführen. Die Lehrerin hat ihr im Rahmen eines Nachteilsausgleichs erlaubt, die Konstruktion entweder in Worten schriftlich zu beschreiben oder ihrer Heilpädagogin Anweisungen zur Ausführung der Konstruktionen zu geben.

Angepasste Lernziele

Ein Schüler mit einer geistigen Behinderung kann die Lernziele in Mathematik aufgrund seiner kognitiven Beeinträchtigung nicht erreichen. Deshalb ist ein Nachteilsausgleich nicht möglich, sondern es werden angepasste Lernziele vereinbart und auf eine Notengebung verzichtet.

Die Leitfrage lautet: Ist das Kind fähig, die Anforderungen kognitiv zu erfüllen?

Wer Anspruch hat

Der Nachteilsausgleich kommt für Kinder in Frage, bei denen das Potenzial vorhanden ist, das gleiche Anforderungsniveau zu leisten, die aber aufgrund eines Nachteils dieses Potenzial nicht entfalten können. Beispiele für solche Nachteile sind:

  • Dauernde körperliche Behinderungen
  • Geistige oder psychische Behinderungen
  • Sprach-, Hör- und Sehbehinderungen
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
  • Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS)
  • Lese-/Rechtschreib-Störungen (LRS/Dyslexie)
  • Rechenschwäche (Dyskalkulie)

Umsetzung und Massnahmen

Erste Ansprechperson ist die Klassenlehrperson. Sie veranlasst, dass das Kind von einer fachkundigen Instanz abgeklärt wird. Je nach Beeinträchtigung können folgende Personen eine Diagnose stellen:

  • Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen
  • Logopädinnen und Logopäden
  • Schulpsychologische Dienste
  • Kinderpsychiatrische und medizinische Fachpersonen

Wird ein Nachteilsausgleich für angemessen erachtet, erarbeitet die sonderpädagogische Fachperson mögliche Nachteilsausgleichsmassnahmen. Diese werden an einem schulischen Standortgespräch mit allen Beteiligten besprochen und festgehalten. Die Bewilligung erteilt je nach Gemeinde die Schulleitung, die Fachleitung oder die Schulpflege. Nach einem Jahr findet ein erneutes Treffen statt, um die Massnahmen zu überprüfen und allfällige Anpassungen vorzunehmen.

Beispiele von Nachteilsausgleichsmassnahmen sind:

  • Zeitzuschläge
  • Nutzung von speziellen Arbeitsmitteln (Vorlesestift, Wörterbücher, Zahlenstrahl, Computer)
  • Hilfestellung durch eine Lehrperson, die einen Text vorlesen kann oder eine Aufgabe auf Anleitung des Kindes verschriftlichen kann
  • individuelle Pausen
  • individuell gestaltete Arbeitsplatzorganisation
  • und vieles mehr

Nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit

Nicht nur Schulkinder haben Anrecht auf einen Nachteilsausgleich, sondern auch Lehrlinge und Studenten. In einer Lehre oder einem Studium wird ein Nachteilsausgleich gewährt, wenn die Art der Behinderung die Ausübung des zukünftigen Berufes nicht verhindert oder massgeblich beeinträchtigt.  In beiden Fällen gilt das Gleiche wie in der obligatorischen Schule: Lehrlinge und Studierende mit Nachteilsausgleich müssen genauso die zentralen Anforderungen einer Ausbildung oder Prüfung erfüllen. Eine Lernzielreduktion ist nicht möglich, nur eine Anpassung der Form und der Rahmenbedingungen.

Dybuster Tipp

Wir haben Ihnen ein paar Schnellzugänge zum Thema Nachteilsausgleich bereit gestellt:

Nachteilsausgleich in der Volksschule Kanton Zürich
Broschüre – Nachteilsausgleich
Elternblatt – Nachteilsausgleich

Merkblatt – Pädagogischen Hochschule Zürich
Informationsblatt – ETH Zürich
Richtlinie – ZHAW