Legasthenie in den verschiedenen Ländern/Sprachen

Pünktlich zum Nikolaustag am 6.12.2016 wurden die Ergebnisse der Pisa Studie aus dem Jahre 2015 veröffentlicht.

Dies nehmen wir zum Anlass Ihnen einen etwas anderen Länder- beziehungsweise Sprachenvergleich aufzuzeigen. Legasthenie kommt in den verschiedenen Sprachen unterschiedlich häufig vor. Im deutschsprachigen Raum sind je nach Studie ca. 7 % der Schüler von Legasthenie betroffen. Im Vergleich dazu sind es im englischsprachigen Raum bis zu 15 % der Bevölkerung. Im Spanischen hingegen sind bloss 5 % von Legasthenie betroffen. Woran liegt das?

Englisch hat, im Vergleich zu allen anderen europäischen Sprachen, eine viel inkonsequentere Abbildung von den Buchstaben auf die Laute. Das heisst, in der englischen Sprache können gleiche Buchstabenfolgen oft auf mehrere Arten ausgesprochen werden. Vergleichen Sie als Beispiel die Aussprache des Lautes –ough in cough, bough, tough, through, and dough. Gleichzeitig kann ein Laut mit unterschiedlichen Buchstabenfolgen geschrieben werden. So wird z.B. ein langes „i“ in „beat“ als „ea“, in „need“ als „ee“, in „key“ als „ey“ etc. verschriftet.

Eine Hautursache von LRS/Legasthenie ist das sogenannte phonologische Defizit. Wer ein phonologisches Defizit hat, hat Mühe zu verstehen, dass die gesprochene Sprache aus einzelnen Lauten besteht und dass diese Laute als Buchstaben und Buchstabengruppen abgebildet werden. Dass im Englischen gleiche Buchstabenfolgen verschieden ausgesprochen werden können, erschwert das Verständnis dieser Abbildung und verstärkt so das Defizit. Dies erklärt, warum es im englischsprachigen Raum mehr Legastheniker gibt.

Im Deutschen stoßen Legastheniker ebenfalls auf viele Hindernisse, da es auch hier häufig mehrere Möglichkeiten gibt, wie ein Laut mit Buchstaben verschriftet wird. So kann unter anderem ein lang gesprochenes „i“ durch die Buchstabenkombination „ie“, „ih“ oder sogar „ieh“ abgebildet werden. Vergleichen Sie folgende Wörter nach Ton und Rechtschreibung: nie, Lid, ihr, Vieh. An den Rechtschreib-Klassiker „Miene“ und „Mine“ können Sie sich sicher auch noch erinnern…

Die französische Sprache ist zwischen Englisch und Deutsch anzusiedeln, da es hier auch viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, Laute mit Buchstaben darzustellen, wenn auch nicht so viele wie in der englischen Sprache. Zusätzlich kommen noch viele unausgesprochene, stumme Laute und Endungen hinzu. Das Wort „Öl“ ist im Französischen z.B. „huile“ geschrieben, wird aber praktisch als „ui“ gesprochen. Weder das „h“, das „l“ noch das „e“ hört man.

In Spanisch und Italienisch hingegen ist 1 zu 1 definiert, wie ein Laut mit Buchstaben geschrieben wird: Wenn ich ein italienisches oder spanisches Wort aussprechen kann, dann weiss ich auch, mit welchen Buchstaben ich es verschriften muss, denn es gibt keine Ausnahmen. In diesen Sprachen ist es viel einfacher, die Abbildung der gesprochenen auf die geschriebene Sprache zu lernen und zu automatisieren, weshalb in diesen Sprache der Anteil an Legasthenikern niedriger ist.

Was bedeutet das für ein Kind mit Legasthenie, wenn es eine Fremdsprache erlernen möchte? Es ist gut möglich, dass dem Kind die Rechtschreibung im Englisch schwerer fällt als zum Beispiel im Spanisch. Dies gilt es auch bei der Bewertung und beim Nachteilsausgleich zu berücksichtigen.

Wenn man also die Resultate der diesjährigen Pisa-Studie analysiert, sollte man unbedingt die oben besprochenen sprachlichen Gegebenheiten mitberücksichtigen.