«Kinder-Burnout und Medienkonsum» – Wie ein Zuviel des Guten die Lebensfreude erschöpfen kann

Das neue Schuljahr ist im vollen Gange und damit leider auch der steigende Druck auf viele Schülerinnen und Schüler. Burnout oder Lebensfreude – ein Balanceakt, der unterdessen auch Kinder betrifft.

Sowohl Einschätzungen der Gesundheitsförderung Schweiz wie auch der Pro Juventute sprechen zusammen mit den Zahlen der Universitätskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bern und Zürich eine deutliche Sprache: Kinder sind zunehmend mit ihrer Alltagsbewältigung überfordert. Stress, Druck, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit sind häufig beobachtete Erschöpfungssymptome. Einige Fachpersonen befürchten sogar, dass jeder 3. Schüler Burnout-Symptome aufweist.

Bedrohte Kreativität und Motivation

«Man kann Kinder nicht über ihr Begabungspotenzial hinaus fördern, sondern sie höchstens ihr Potenzial realisieren lassen. Eltern und Schule wollen aber mehr», kritisiert der Kinderarzt Remo Largo die aktuelle Entwicklung. Die Gesundheitsförderung Schweiz warnt vor den fatalen Folgen für die Gesellschaft, wenn die Zahl der gestressten Schüler weiter so zunimmt.

Im Gegensatz dazu erleben wir, dass alle Kinder mit einer unglaublichen Lust am Entdecken und Gestalten zur Welt kommen. Diese Neugierde, Entdeckungsfreude und Gestaltungslust – wenn sie denn auch Raum und Zeit zur Entfaltung bekommt – führt zu einem beeindruckenden Zuwachs an Kompetenzen in den ersten Lebensjahren. Die Begeisterung zum Lernen und das Entdecken der eigenen Kreativität sind zu Beginn eines jeden Menschenlebens einzigartig.

Ist es nicht zugleich Motivation und Aufgabe der Eltern und der Schule, diese Lern- und Entdeckerfreude zu erhalten und zur vollen Entfaltung zu bringen? Sicherlich würden viele Pädagogen und Eltern diese Frage ohne zu zögern bejahen. Doch obwohl Motivation und Wille der Erziehungsberechtigten und der Pädagogen da sind,  stellen viele Fachstellen einen gegenteiligen Trend bei Kindern fest.

Die Ursache des Problems wird nicht etwa bei den Eltern oder Lehrpersonen direkt gesehen, sondern vielmehr beim Wandel gewisser Werte in der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf Erziehung und Bildung. Wenn diese Werte das Denken und Handeln Erwachsener beeinflussen, dann sind die Kinder umso stärker davon betroffen.

Balance im Alltag

Verschiedene Fachleute machen unterschiedliche Bereiche für die Zunahme von Burnout bei Kindern verantwortlich, in denen auch die Vorbildfunktion Erwachsener eine wichtige Rolle in der Kinderwelt einzunehmen scheint:

Schnelllebigkeit und Angebotsvielfalt
Ständige Erreichbarkeit, Lesen von Geschäftsemails auch am Wochenende, in der Freizeit und sogar in den Ferien, ein volles Programm mit schier unbegrenzten Möglichkeiten.

Leistung und Effizienz
Eine Gesellschaft, in der jeder nach seiner Leistung gemessen wird, vermittelt falsche Werte und führt zu überhöhten Anforderungen an die Kinder. Sie opfern dafür vermehrt ihre Freizeit – ganz nach dem Vorbild Erwachsener. Im Hamsterrad unserer Leistungsgesellschaft geht das Ursprüngliche verloren.

Medienkonsum
35% der Mittestufenkinder nutzen ihr Handy, wenn sie eigentlich schlafen sollten. Bei 14% der Kinder ist dies sogar jede oder jede zweite Nacht der Fall. Der Zusammenhang zwischen einer intensiven Nutzung digitaler Medien vor dem Schlafengehen und einem erhöhten Risiko von Schlafstörungen und depressiven Symtomen wurde in diversen Studien nachgewiesen.

Kreativität, Entdeckerfreude und Lernmotivation sind wie unschätzbar wertvolle Quellen in uns. Andauernde Hektik, übermässiger Medienkonsum, ständiger Leistungsdruck und ein überfülltes Tagesprogramm verschütten sie. Musse, Langeweile, offene Spiele, Raum und Zeit zur eigenen Entfaltung – Dinge, welche im Alltag, in der Schule und Zuhause oft an den Rand gedrängt werden – begünstigen das Hervorquellen der Entdeckerfreude, der Gestaltungslust und schlussendlich des natürlichen Drangs, Neues zu lernen.

Dies bedeutet aber nicht, dass Leistungsanforderungen, Medien und volle Tagesprogramme total aus dem Alltag verbannt werden sollten. Im Gegenteil: Wenn bei einer intensiven Arbeit ein Erfolg verbucht, multisensorisches Lernen durch digitale Medien erlebt oder der Tag mit einem Engagement im Sportverein abgerundet wird, dann sind das durchaus stimulierende Erfahrungen, welche Entfaltungslust, Entdeckerfreude und Wohlbefinden positiv beeinflussen können. Es geht also um ein stimmiges Zusammenspiel, welches sich für manche Kinder zunehmend zu einem unangenehmen Balanceakt entwickelt hat.

Ein wichtiger Orientierungspunkt in diesem Spannungsfeld zwischen Burnout und Lebensfreude liefert uns die sogenannte Bewältigungszuversicht. Sie zeigt uns an, mit wie viel Elan wir den eigenen Problemen und Alltagsanforderungen gegenüberstehen. Bewältigt ein Kind seinen Alltag mit hoher Zuversicht, können wir davon ausgehen, dass gelegentliche Stresssituationen nicht gleich zu einer latenten Antriebslosigkeit oder gar zu einem Burnout führen. Wenn ein Kind seinen Alltag als sinnvoll und verstehbar erlebt, Zeit für das Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Gedanken bekommt und darüber hinaus Anerkennung und Erfolg erfährt, dann wird sich eine gesunde Zuversicht im Alltag dieses Kindes festigen.

Mass im Umgang mit Medien

Beim Medienkonsum tun Eltern gut daran, die Kinder im täglichen Gebrauch digitaler Medien nicht nur zu begleiten, sondern Ihnen auch einen gesunden zeitlichen Rahmen und gerätefreie Zonen zu ermöglichen. Erleben Sie zum Beispiel eine gerätefreie Familienzeit, in welcher nichts und niemand die Gemeinschaft, das gemütliche Ausspannen oder das Vertiefen in ein Spiel stören kann. Wenn wir den Mut haben, die anfängliche Langeweile zu überwinden, dann bereichern plötzlich kreative Ideen und neue gemeinschaftliche Erfahrungen den Familienalltag.

Grundsätzlich gilt für eine altersgerechte Nutzung von Medien folgende Regelung:
Bis 6 Jahre – nicht mehr als 30 Minuten pro Tag
Bis 9 Jahre –  ca. 40 Minuten pro Tag
Bis 12 Jahre – ca. 80 Minuten pro Tag

Wichtig ist, dass man sich überlegt, wann der Einsatz digitaler Hilfsmittel wirklich Sinn macht. Aufgaben, welche auch mit Papier und Bleistift ausgeführt werden können, sollten nicht, nur einfach weil es im Trend liegt, digitalisiert werden. Wenn jedoch zum Erreichen eines bestimmten Lernzieles der Einsatz einer Lernsoftware oder eine Digitalisierung der Lerninhalte von Nutzen ist, kann der Einsatz digitaler Geräte das Lernen durchaus bereichern.

Wenn Leistungsanforderungen, digitale Geräte und Angebotsvielfalt uns nicht dirigieren, sondern unseren Alltag da und dort dosiert ergänzen, bleibt die Bewältigungszuversicht und damit die Lernmotivation und Lebensfreude erhalten, was präventiv gegen Burnout wirkt.

So wünschen wir Ihnen und Ihren Kindern die nötige Balance, damit Sie motiviert und voller Freude an Ihre vielfältigen und zahlreichen Aufgaben gehen können.

Dybuster Tipp:
Prävention von Kinder-Burnout

Bildschirmzeit einschränken
Via App können die Geräte der Kinder eingeschränkt werden.
Berücksichtigen Sie auch die altersgerechte Nutzung.

Raum und Zeit zum freien Spielen ohne Geräte schaffen
Langeweile ist dabei nicht negativ zu bewerten.

Schlafenszeit ist gerätefreie Zeit
Legen Sie z.B. eine Ladestation für alle Familienmitglieder fest.
So werden alle Geräte vor der Nachtruhe gesammelt.

Wöchentliche Familienzeit
Planen Sie gemeinsame Zeit ohne Geräte.

Bewusster Wechsel
Spiel, Spass und Erholung nach getaner Arbeit oder Hausaufgaben.

Sport- und Vereinsprogramme
Weniger ist mehr!

Gesundes Mass der Leistungsanforderung definieren
So kann es zu regelmässigen Erfolgen (zum Beispiel bei Prüfungen) kommen.
Wichtig ist, diese dann gemeinsam zu feiern.

Anerkennung und Lob
Die tollen Eigenschaften des Kindes hervorheben,
nicht nur auf die erbrachte Leistung schauen.

Wichtige Formel für Balance
Vom «Sein» zum «Tun» und wieder zurück zum «Sein».