Interview: Ein erwachsener Mann mit Lese-Rechtschreib-Schwäche erzählt.

Wurde bei Ihrem Kind während der Schulzeit eine Lese-Rechtschreib-Schwäche festgestellt? Stellen Sie sich manchmal die Frage, wie Ihr Kind die Schulzeit mit diesem Defizit meistern wird und wie wohl seine Chancen für die Berufsbildung stehen werden?

Wir haben bei einem jungen Erwachsenen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche nachgefragt, wie er seinen Weg erfolgreich gemeistert hat.

Alter: 23 Jahre
Berufslehre: Informatiker, EVZ Applikationsentwickler
Momentanes Studium: B.Sc FHO in Information Science Major Digital Business Management

Wann und wie hast du gemerkt, dass du Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Lesen hattest?

Ich bemerkte es  in der 1. Klasse, als ich Lesen, Schreiben und Rechnen lernte. Ich hatte erstens eine unsaubere Schrift und schrieb viel grösser, als alle anderen. Ich benötigte für ein Diktat anstelle eines A4-Blattes, deren sechs. Zudem passierten mir viele Fehler, die ich selber gar nicht bemerkte. In meinem Kopf sah ich das Wort richtig, bei der Übertragung aufs Blatt passierten dann jedoch Fehler. Richtig im Kopf, falsch auf dem Blatt – die Übertragung hat einfach nicht korrekt funktioniert.

Welche Erinnerungen hast du an deine Schulzeit? Wie bist du mit der LRS umgegangen? Wie hat es deine Schulzeit beeinflusst?

Als junger Bube hat mich die LRS nicht interessiert, ich habe mich für die Schule insgesamt nicht so interessiert. Die Schule war nicht unbedingt mein Lebensmittelpunkt. Dass ich schlecht schrieb, interessierte mich nicht sonderlich – ich konnte es einfach nicht. Für mich war klar, dass ich es nicht schöner und besser konnte. Ich nahm diesen Fakt schlicht so hin.

Die Erinnerungen an die Lese-Rechtschreib-Schwäche waren eher negativ, denn meine Noten im Schreiben, Schriftbild, etc. waren ungenügend. Dafür war ich aber in Mathematik überdurchschnittlich gut. Somit lagen meine Präferenzen ja sowieso klar;-) (lacht). Ich wusste schon damals, dass mein späterer Beruf eher mit Zahlen als mit Schreiben zu tun haben würde. Ich habe mich schon früh lieber an meinen Kompetenzen orientiert und gerne das gemacht, was ich gut konnte. Lesen mochte ich auch nicht – dafür genoss ich umso lieber Hörbücher.

An die Schulzeit insgesamt habe ich durchs Band weg gute Erinnerungen. Ich hatte auch immer gute Lehrpersonen, die mich gut unterstützt und gefördert haben und die trotz meines Defizits in der Rechtschreibung an mich geglaubt und mein Potential gesehen haben. Eigentlich kann man von Glück reden, dass ich so gute Lehrpersonen hatte, denn dank meines Mittelstufenlehrers, der meine mathematischen und anderweitigen Fähigkeiten erkannte und damit umzugehen wusste, wurde ich in die Sek A eingeteilt. Ich wünsche jedem Kind Lehrpersonen, die das Potential im Kind erkennen.

Konntest du in der Schule auf spezifische Unterstützung zählen?

Während meiner Schulzeit habe ich verschiedene Therapien besucht. Zum Einen, um meine Schreibmotorik zu verfeinern, zum Anderen, um meine LRS zu überwinden. Die Therapieangebote fanden teils während des regulären Unterrichts, teils in meiner Freizeit – jeweils mittwochnachmittags – statt. Dies gefiel mir natürlich nicht besonders. Ich hätte an diesen freien Nachmittagen lieber etwas Anderes gemacht, z. B. draussen mit meinen Freunden gespielt. Die Frau, die mich während der Therapielektionen aber betreute, war sehr lieb und verpflegte mich jeweils mit feinen Snacks wie Datteln, Darvidas, etc., was ich gerne mochte. Darauf freute ich mich zumindest. Meine Mutter motivierte mich dazu, die Therapien durchzuführen. Sie zeigte mir auf, dass ich nun eine Möglichkeit hatte, richtig schreiben zu lernen und dass dies eine kostspielige Angelegenheit sei, die zum Glück von der Schule übernommen wurde und die es deshalb umso ernster zu nehmen gelte. Deshalb habe ich mich bemüht. Auch meinem Selbstvertrauen taten die Therapien gut.

Hat dich die LRS bei der Berufswahl beeinflusst? Wie hast du sie während der Berufslehre erlebt? Wurde speziell darauf Rücksicht genommen?

In der Primar- und Sekundarschule erhielt ich viel Betreuung. Die Berufsausbildung absolvierte ich dann ohne Spezialbehandlung. Meines Erachtens haben mir die diversen Therapien etwas gebracht, denn ich merke im Moment gar nichts mehr von meiner LRS. Einerseits liegt dies sicher daran, dass meine tägliche Arbeit am Computer stattfindet, der mir zum Beispiel die Korrekturarbeit abnimmt. Andererseits bin ich auch gut und ohne besondere Behandlung bezüglich LRS durch die Informatikmittelschule gekommen, obwohl ich dort viel mit Texten arbeiten musste.

Klar war es ersichtlich, dass mir der schriftliche Ausdruck schwerer fiel. Das Hauptgewicht der Ausbildung lag aber auf Mathematik und Technik. Eigentlich fiel mir mein Defizit zur Zeit meiner Ausbildung gar nicht mehr wirklich auf. Die Ausbildung schloss ich zudem genau so wie alle anderen Lernenden ab. Ich besuchte auch keine LRS-Kurse mehr und profitierte von keinem Nachteilsausgleich. Die LRS-Problematik hatte sich bei mir mit der Zeit somit etwas beruhigt. Vielleicht auch, weil ich es mir nicht mehr so fest eingeredet habe. Ich wollte einfach das Gleiche leisten, wie alle anderen. Ob meine Ausbildner überhaupt darüber informiert war, weiss ich eigentlich gar nicht, ich vermute es aber. Ich denke, dass meine Mutter meine Ausbildner darüber ins Bild setzte. Sie informierte und koordinierte, so dass alle Beteiligten das nötige Mass an Informationen erhielten.

Inwiefern beeinflusst dich deine LRS während deines aktuellen Studiums?

Mein Selbstvertrauen ist mittlerweile so gefestigt, dass ich die LRS viel weniger schlimm finde. Ich merke nicht mehr viel davon. Klar, Schreiben gehört auch jetzt noch nicht zu meinen Lieblingsaufgaben. Es fällt mir immer noch schwer Texte schön zu strukturieren und Schreibfehler passieren mir oft. Ich habe aber stets mein Ziel vor Augen. Dies ist jedoch meine allgemein gültige Regel und hat nicht spezifisch mit LRS zu tun. Heutzutage hole ich mir, wenn nötig, einfach Hilfe. Mein Studium ist papierlos aufgebaut. Sprich alle Aufgaben, Arbeiten, usw. werden am Computer erstellt. Deshalb brauche ich für alle meine Schreibarbeiten den Computer, der mir mit dem Korrekturprogramm meine Rechtschreibung kontrolliert. Aber auch Menschen in meiner nahen Umgebung sehen meine Texte durch und geben mir Rückmeldung dazu. Da werden verdrehte Buchstaben, sich wiederholende Wörter, nicht fertige Sätze, etc., die ich nicht selber sehe, korrigiert und in Ordnung gebracht. Das ist meine Strategie. Man soll sich für seine Schwächen Unterstützung holen und seine Stärken mit anderen teilen.

Welche Unterschiede gibt es für dich bezüglich LRS als Kind und als Erwachsener?

Als Kind mit LRS geniesst man in der Schule den Vorteil eines geschützten Raumes, wo man üben und an seinen Defiziten arbeiten kann. Als Erwachsener werden dir Rechtschreibfehler weniger vergeben. Schriftliche Kundenkontakte sollen z. B. schlicht fehlerfrei sein. Ich kann meinem Kunden ja nicht sagen: “Es tut mir Leid, ich habe eine LRS.” Man darf einfach nicht nachlässig sein. Darum ist es enorm wichtig, sich für die Erwachsenenwelt Strategien anzueignen, die in solchen Fällen helfen.

Welche drei Tipps gibst du Kindern mit LRS mit auf den Weg?
  1. Ein Kind soll sich nicht einreden lassen, dass es etwas nicht kann oder etwas nicht werden darf. Es soll möglichst alle Wege offen haben, daran glauben und dafür arbeiten und lernen dürfen.
  2. Das Kind soll vor allem versuchen, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Jeder hat seine Fähigkeiten, und diese gilt es zu finden und zu unterstützen. Sich nur auf Defizite zu konzentrieren ist kontraproduktiv. Da braucht es eine gewisse Balance. Ein Kind soll nicht immer nur versuchen Schwächen aufzuholen, sondern auch Zeit aufwenden für die Dinge, die es gut kann und die ihm Spass machen. Zu viel Fokus auf meine Schwächen hat meinem Selbstbewusstsein eine zeitlang etwas zugesetzt.
  3. Es soll sich Unterstützung und Hilfe suchen und von Trainingsprogrammen profitieren. Da sind auch die Eltern am Zug und enorm wichtig. Eltern sollen dem Kind auch ganz klar aufzeigen, dass es nicht dumm ist, sondern einfach ein Defizit hat. Wenn das eigene Gehirn nicht in gleichem Masse Sprache umsetzen kann, wie dies andere können, ist dies nicht eine Frage der Intelligenz. Das Kind soll anderswo seine Fähigkeiten beweisen können. Viele grosse Denker vergangener Zeit hatten ja scheinbar auch eine LRS.