Ein Klassiker: Wie Alex mit seiner Dyskalkulie kämpft

Diese Geschichte erzählt das Leben eines ganz normalen Kindes mit Rechenschwäche, wie sie tausende von Kindern und Eltern erzählen können. Sie soll niemanden verletzen oder an den Pranger stellen. Fast genau so, wie sie hier für Rechenschwäche erzählt ist, könnte man sie auch für Legasthenie erzählen.

Alexander freut sich auf die Schule


Alexander ist ein fröhliches, aufgewecktes Kind. Nach zwei Jahren Kindergarten freut er sich, zusammen mit seinen Gspändli endlich in die 1. Klasse gehen zu dürfen. In der Schule lernt er gerne und schnell. Am liebsten mag er Turnen, Lesen und kleine Experimente. Nur beim Rechnen harzt es. Irgendwie wollen die Zahlen einfach nicht in Alexanders Kopf. Und weshalb man „dreiundzwanzig“ sagt aber umgekehrt „23“ schreiben muss, erscheint ihm nicht logisch.

Alexander schlängelt sich durch die 1. und 2. Klasse. Niemandem fällt auf, dass ihm Rechnen Mühe bereitet, denn er kann seine Probleme gut verstecken: Beim Lösen von Aufgaben zählt er unter dem Tisch mit den Fingern; dass 7 + 5 gleich 12 ist, hat er aufgeschnappt; das Einmaleins lernt er dank seiner Intelligenz und guter Merkfähigkeit auswendig, ohne zu Verstehen, was Multiplikation bedeutet; wenn er Panini-Bildchen kauft, gibt er der Verkäuferin immer zu viel Münz, damit sie nicht peinlich nach mehr Geld fragen muss, auch wenn Alexander nicht weiss, wie teuer sie sind; bei Gruppenarbeiten organisiert er die Gruppe so, dass die Mitschüler für ihn rechnen. Er rechnet so wenig wie möglich, und wird deshalb auch kaum besser.

Die Probleme lassen sich nicht mehr verbergen


In der 3. Klasse kann Alexander seine Probleme nicht mehr verbergen. Die Aufgaben sind nun zu schwierig oder müssen zu schnell gelöst werden. Wenn am nächsten Tag eine Mathe-Prüfung ansteht, schläft er schlecht. Im Mathe-Unterricht hat er Angst, dass der Lehrer ihn nach einer Lösung fragt. Am schlimmsten ist es, wenn die Klassenkameraden zuhören und merken, dass er einen Fehler macht. „Was, du kannst das nicht? Das ist doch eine bubi-einfache Aufgabe!“ hört er dann. Die Mitschüler hänseln ihn noch nicht, aber Gruppenarbeiten machen sie nicht mehr gerne mit ihm, weil er ihnen beim Rechnen nicht helfen kann. Nächste Woche ist eine Projektwoche zum Thema „Liter, Meter und Kilogramm – Rechnen mit Massen“. Am liebsten wäre Alexander die ganze Woche krank, dann müsste er nicht in die Schule gehen. Zum Glück sind danach wieder Lesen und Deutsch angesagt. Das liebt Alexander immer noch.

Alexanders Eltern bemerken, dass er nicht mehr gleich gerne in die Schule geht wie früher. Auch benötigt er für die Mathe-Hausaufgaben fast eine Stunde, obwohl der Lehrer am Elternabend ankündigte, dass die Kinder nur etwa 15 Minuten Hausaufgaben erhalten. Sie helfen ihm bei den Hausaufgaben, wodurch Alexander noch weniger rechnet, und korrigieren die Aufgaben für ihn. Sie erklären Alexander die Aufgaben so, wie sie sich selber die Aufgaben vor 30 Jahren zu Recht legten und nicht so, wie sie der Lehrer erklärt hat. Das verwirrt Alexander komplett. Doch weil Alexander (das heisst seine Eltern) in den Hausaufgaben kaum Fehler machen, kann der Lehrer nicht sehen, welche Schwierigkeiten Alexander eigentlich hätte.

Alexander verliert die Freude am Lernen


Beim Elterngespräch Ende der 4. Klasse kommen die Probleme auf den Tisch: Alexander kann viel schlechter rechnen als seine Klassenkammeraden. Weil nun auch Geometrie im Stundenplan steht und die Kinder im Werken selber berechnen sollen, in welchen Abständen sie die Nägel einschlagen müssen, ist er auch in anderen Fächern schlechter. Er kommt nicht mehr gleich gerne in die Schule, ist verschlossener als früher, bringt sich in Gruppen weniger ein und ist häufig krank, gerade wenn eine Mathe-Prüfung ansteht. Er isoliert sich immer stärker und verliert die Lust am Lernen. Die Eltern machen sich Sorgen, weil Alexander so grosse Probleme im Rechnen hat, und sich kaum verbessert. Sie stellen sich vor, dass er viele Lehrstellen nicht wird erhalten können, und dass er kaum wird studieren können, obwohl er sehr intelligent ist und immer noch mit die besten Texte der ganzen Klasse schreibt. Aber Rechnen steht nun mal als ungenügende Note im Zeugnis.

Die Schule leitet Fördermassnahmen ein und bietet Alexander Unterstützung an. Doch Alexander hat keine Lust mehr, Mathematik zu lernen. Er ist durch seine vielen Misserfolge zu frustriert. Er hat resigniert und sich damit abgefunden, dass er nicht rechnen kann. Dass seine Eltern die Fördermassnahmen toll finden und nicht akzeptieren wollen, dass er einfach nicht rechnen kann, macht die Situation nur noch schlimmer. Alexander grenzt sich nun auch gegenüber den Eltern ab. In der Schule wird er zum Einzelgänger.

Mit Müh und Not und dem letzten Anteil Motivation schafft Alexander den Übertritt in die Oberstufe. Nun wird noch mehr Wert auf die Noten gelegt. In Mathematik, Geometrischem Zeichnen, Physik und Chemie versteht er schlicht nichts. Dass er ohne viel Aufwand ganz passabel Französisch lernt, tritt dabei völlig in den Hintergrund. Und am Horizont zeichnet sich die berufliche Weiterentwicklung ab, über welche insbesondere seine Eltern immer beunruhigter sind. Alexander fühlt sich missverstanden und ausgegrenzt. Nach zwei Jahren in der Oberstufe verfällt er in eine Depression. Er will nicht mehr in die Schule gehen und verweigert den Besuch des Unterrichts.

Alexanders Talente


Ohne einen Schulabschluss scheint die Lehrstellen-Suche ziemlich aussichtslos. Doch Alexander hat viel Glück und findet einen verständnisvollen Lehrmeister, zu welchem er einen guten Draht entwickelt. Im Verlaufe der Lehre blüht Alexander auf. Er entscheidet sich, den Schulabschluss nachzuholen, und schliesst als Erwachsener die Matur ab. Rechnen ist noch immer nicht seine Stärke, aber beim anschliessenden Germanistik-Studium ist Mathematik von geringer Bedeutung. Alexander doktoriert mit „summa cum laude“ und ist heute Chefredaktor einer Wochenzeitung.

Was uns Alexanders Geschichte sagen will


Die Negativ-Spirale aus schlechten Rechenleistungen und Motivationsverlust dreht nicht bei allen Kindern mit Dyskalkulie gleich schnell, gleich lange und gleich tief. Aber auch nicht alle Kinder haben so viel Glück wie Alexander und werden durch eine Zufallsbegegnung aus dieser Spirale gerissen. Idealerweise sollte man deshalb durch frühzeitige Förderung verhindern, dass sich die Spirale überhaupt zu drehen beginnt. So kann man erreichen, dass aus den „kleinen“ Problemen im Rechnen keine grossen Nachteile entstehen.

Die Nachteile in Zahlen


Dass die Probleme, welche aus einer Rechenschwäche entstehen können, nicht erfunden sondern real sind, zeigen Studien aus England (vgl. Referenzen). Die volkswirtschaftlichen Kosten von tiefen mathematischen Fähigkeiten werden dort auf £2.4 Milliarden pro Jahr geschätzt. Für ein Land mit der Grösse der Schweiz entspräche dies jährlichen Kosten von ca. CHF 500 Mio. Diese riesigen Beträge ergeben sich, da einzelne Betroffenen mit einer Rechenschwäche

  • im Durchschnitt im Verlaufe ihres Lebens weniger verdienen,
  • häufiger mit dem Gesetz im Konflikt stehen,
  • höhere Kosten im Schul-, Sozial- und Gesundheitswesen verursachen.
  • Beddington, J., Cooper, C. L., Field, J., et al. (2008). The mental wealth of nations. Nature, 455, 1057-1060.
  • Butterworth, B., Varma, S., & Laurillard, D. (2011). Dyscalculia: From brain to education. Science, 332, 1049-1053.
  • Gross, J., Hudson, C., & Price, D. (2009). The long term costs of numeracy difficulties. Every Child a Chance Trust and KPMG, London.